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De bello omnium in omnes.


Wenn es die Staaten nicht gäbe, ginge in dieser Welt alles drunter und drüber. Aus dieser Behauptung leiten die Staatsgläubigen ihre Überzeugung ab.

Ihnen bietet sich an, auf die Ereignisse nach dem Staatenverfall auf dem Balkan, in Afrika und im Osten hinzuweisen.
Allein, was hier zu chaotischen Zuständen geführt hat und immer noch führt, ist nicht die Folge des Freiheits-, sondern des Staatsgedankens.
Zu den merkwürdigen Eigentümlichkeiten des Menschen gehört, daß ihm Vielfältigkeit ein Greuel, Übersichtlichkeit dagegen und Einheitlichkeit eine Labsal ist. Diese Eigenart wußten Machthungrige auszunutzen – über die Jahrtausende hinweg.
Je größer ein Staat ist, desto mehr Sicherheit und Wohlstand verschafft er. Dieser Glaubenssatz – von den Griechen noch in Zweifel gezogen – beflügelt seit Roms Zeiten nicht nur alle Machthaber, sondern auch deren Ratgeber und schließlich die Mehrheit im Volk. Seither gilt: Möglichst groß muß der Staat sein, Zugang zum Meer sollte er haben, viele Bodenschätze und Naturschönheiten.
Die Wahrheit, wie sie die Geschichte ausweist, besagt das Gegenteil: Je größer und mächtiger ein Staat ist, um so mehr Kriege führt er. Und Hunger wird nur in großen Staaten gelitten. In Zwergstaaten dagegen gibt es verbreitet keine Not.

Zwischen den deutschen Kleinstaaten - während ihrer mehr als zweihundertjährigen Existenz - fanden Kriege nicht statt. Unterdessen schlugen sich die vermeintlichen Großmächte fortwährend.
Vor 150 Jahren forderte die deutsche Elite in der Paulskirche – im besten Glauben an die Richtigkeit ihrer Weltsicht - die Deutsche Einheit. Die unausweichliche Folge waren Kriege. Zwei mußten um des Stillhaltens der Nachbarn willen geführt werden, zwei um die Vorherrschaft in der Welt. Am Ende stand die Vertreibung der Deutschen aus Ostpreußen, Pommern und Schlesien.

Hier wird eingewendet werden, zum einen sei die deutsche Reichsgründung nicht zu verhindern gewesen, weil sie im Trend lag (weil der Irrglaube nicht nur in deutschen Köpfen spukte, weil es darum ging, die Welt unter sich aufzuteilen), zum anderen hätte es dann andere Kriege gegeben. Dem ist nicht zu widersprechen. Aber Lippe-Detmold wäre auch weiterhin nicht gegen Schaumburg-Lippe ins Feld gezogen und Reuß ältere nicht gegen Reuß jüngere Linie – obgleich damals nicht das Volk, sondern selbstherrliche Dynasten über Krieg und Frieden bestimmten.
Heute verfügen (der Volksmeinung entgegen) die wohlhabendsten Staaten der Welt weder über viel Gebiet noch über Zugang zum Meer noch über nennenswerte Bodenschätze (Luxemburg, Schweiz). Statt dessen herrscht die größte Not in Staaten, die von alledem reichlich ihr eigen nennen.

Zurück zu den Krisenherden.

In vielen Staaten verlieren Soldaten der UN, EU und AU (und Zivilisten) Gesundheit und Leben, weil die Staatengemeinschaft nicht hinnehmen will, daß diese Staaten in kleinere Bestandteile zerfallen. Indes, sei es nach zehn, sei es nach zwanzig Jahren wird sie diese Länder sich selbst überlassen müssen, weil die Fortsetzung der Besetzung schlicht nicht länger tragbar ist (welches Volk läßt sich schon dauerhaft unter Vormundschaft stellen?). Dann aber wird kaum etwas gewonnen sein. Denn das Selbständigkeitsbegehren steigt eher als daß es fällt.
Vorgeblich sind die Teilstaaten nicht lebensfähig. Der Hinweis auf Andorra, San Marino und Singapur mag nicht sehr hilfreich sein. Was indes hätte eine selbständige Krajina oder ein selbständig belassenes Bihac gehindert, sich einem Freundschafts- und Wirtschaftsverbund anzuschließen? Slowenien und Estland jedenfalls konnten gar nicht schnell genug Mitglied der EU werden.
Vorgeblich des weiteren ist ein Nochmehr an Nationalstaaten nicht zu verkraften - angesichts der Probleme in der Welt.
Tatsächlich indes ist es so, daß alle Staaten am gleichen Strang ziehen, soweit es um ihren Bestand und ihre „inneren Angelegenheiten“ geht. Gegen Terroristen und Separatisten wären sich auch 500 Staaten einig.
Bei allen Fragen dagegen, die die Menschheit insgesamt betreffen und deren Lösung von existenzieller Bedeutung ist, sind in der Tat schon die gegenwärtig bestehenden Staaten nicht unter einen Hut zu bringen. An dieser Lage träte keine Veränderung von Bedeutung ein, wenn die Welt aus 500 Staaten bestünde. Zwar mag für viele von Belang sein, ob bei jenen Entscheidungen, die nur bei Einmütigkeit durchzusetzten sind, ein Staat dagegen ist oder fünfzig oder hundert. Doch die Erfahrung lehrt, daß die zwei oder drei mächtigsten Staaten oft schwieriger ins gemeinsame Boot zu ziehen sind als noch so viele der anderen.
Das führt zu der Frage, ob nicht Kärnten, Korsika und Cornwall als selbständige Länder vielleicht leichter eine gemeinsame Linie finden würden als die mit ihrer Geschichte und Glorie belasteten, von Mißtrauen untereinander gebeutelten Großmächte. Schließlich käme mit deren Ende auch die „große Politik“ (Wer ist wessen Feind, wem muß Einhalt geboten werden, wo ist was zu holen?) zum Erliegen.
In Wahrheit blockieren die Staaten das Selbstbestimmungsrecht der Völker, weil sie, gäben sie ihm nach, ihren Bestand verlören. Denn wenn Frankreich den Kurden einen eigenen Staat zugestände, könnte es dies den Korsen nicht länger verwehren. Dann hielten die Bretonen, Basken und Katalanen auch nicht mehr still. Das wäre das Ende der Grande Nation.
Bemerkenswerterweise sind sich hier Staatsvolk und Machthaber einig. Ließe man die Gesamtheit der Franzosen über die Selbständigkeit der Korsen entscheiden, wäre das Ergebnis eindeutig (Demokratie ist, wenn zwei Wölfe und ein Schaf über die nächste Mahlzeit abstimmen).
Aber auch die Korsen sind, angetrieben von zumeist nicht ganz selbstlosen Vorkämpfern, auf einen eigenen Staat erpicht. Auf beiden Seiten also treibt der Staatsgedanke sein Unwesen. Hier liegt kein Freiheitskampf vor, sondern eine verhängnisvoll fehlgeleitete Unternehmung.
Denn würden die vorgeblich ihre Freiheit verlangenden Völker obsiegen, kämen sie vom Regen in die Traufe. Sie begäben sich erneut in die Abhängigkeit einer Ordnung, die sie entmündigt und entwürdigt. Und obendrein bekämen sie es – staateneigentümlich - mit unzufriedenen Minderheiten zu tun (Die Esten haben ein Russen-, die Slowaken ein Ungarn-, die Kosovaren ein Serbenproblem).
Die Freiheit hat in der Tat keine Chance, solange der Staatsgedanke das Bewußtsein beherrscht. Um den Krieg aller gegen alle zu vermeiden, ist die Entlarvung des Staates nötig. Voraussetzung für die Verwirklichung der Freiheit ist, daß niemand mehr der Versuchung erliegt, sich für eine staatliche Ordnung zu verwenden, sondern daß deren Schädlichkeit und Gefährlichkeit Allgemeingut geworden ist.
Erst wenn der Wille vorhanden ist, sich die Freiheit von nichts und niemandem mehr nehmen zu lassen, und die Bereitschaft, sich ihrer zu bedienen, hat die volle Freiheit eine Chance.
Übrigens, der Zug der Zeit heißt heute (anders als vor hundert Jahren) Selbständigkeit. Das Verhängnis ist, daß diejenigen, die Geist und Geschick dieser Generation bestimmen, dies noch nicht verinnerlicht haben.



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