Sozialismus und Freiheit.

Herr Lafontaine schwrmt von der Freiheit im Sozialismus.
Eigentlich sollte die Frage, wofr der Sozialismus steht, beantwortet sein, angesichts der Bibliotheken fllenden Bnde, die darber Auskunft geben. Doch Worte zahlen keine Schulden. Wer den Bcherwald durchwhlt, wird eher verwirrt als erleuchtet.
In ihrer Selbsteinschtzung stehen die Sozialisten fr Menschenfreundlichkeit. Ihr Anliegen ist es, den weniger glcklichen, den notleidenden Mitmenschen ihre Frsorge angedeihen zu lassen. Solidaritt mit den Armen, Unterdrckten, Entrechteten heit ihr Panier.
Christen fhlen sich an das Gebot der Barmherzigkeit erinnert. Allein, Marx und seine Gefolgsleute mitrauen der individuellen Nchstenliebe. Ihnen zufolge kann nur die Gemeinschaft die ntige Frsorge verwirklichen. Nicht der einzelne vermag zu gewhrleisten, da anderen kein Schade erwchst. Das vermag nur die Gemeinschaft.
Das bedingt zunchst, da jeder Mensch zwangsweise Mitglied einer Genossenschaft werden mu. Sodann verlangt das System vom Menschen, sein Mitgefhl an die Gemeinschaft abzutreten. Er ist damit der Barmherzigkeit ein fr allemal entledigt. Er kann sich nicht mehr als mildttig erweisen, selbst wenn er es wollte. Dafr sind ihm die Mittel genommen. Er darf sich aber auch persnlich nicht einbringen, denn damit wrde er ein Versagen der Gemeinschaft dokumentieren.
Der Altruismus ist sicher eine selten anzutreffende Eigenschaft des Menschen. Man mag deshalb meinen, da seine Abttung keine Einbue darstellt. Indes, eine sehr freundliche Sicht vom Menschen bekundet das kaum.
Am Rande sei vermerkt, da die Rundumbetreuung im Menschen nicht nur das Mitgefhl zur Strecke bringt, sie beeintrchtigt auch den Antrieb und die Fhigkeit, sich selbst zu helfen.
Was immer Marx dem Menschen bescheinigt, da er von Haus aus gutartig, friedfertig, schpferisch sei, zum gutartigen, friedfertigen, schpferischen Gebrauch der Macht hielt er den Menschen nicht fr fhig. Aufzuheben sei daher die Exploitation des einen Individuums durch das andere (Kommunistisches Manifest). Heute liest man in sozialistischen Programmen: Kein Mensch darf Macht ber andere Menschen haben. Folgerichtig verlangt das System, jede Form von Macht zu vergesellschaften.

Nach marxistischen Verstndnis wird der Mensch Macht, die er ber andere Menschen hat, stets dazu verwenden, seinen persnlichen Nutzen zu mehren, wird er die ihm Ausgelieferten stets unterdrcken und ausbeuten.
Indessen, dieser (nicht nur unter Sozialisten verbreiteten) Auffassung knnte man auch ihr Gegenteil entgegenhalten (und durch Beispiele belegen): Jeder Mensch, dem Macht bertragen wird, ist bestrebt, das in ihn gesetzte Vertrauen zu rechtfertigen, somit die ihm verliehene Autoritt ausschlielich zum Wohl der von ihm Abhngigen zu verwenden.
In der verabsolutierten Fassung ist der eine Satz so falsch wie der andere. Der Mensch ist zur Ausbeutung ebenso fhig wie zur Aufopferung.
Die Menschenfreunde aber verneinen die Ambivalenz. Sie lassen am Menschen kein gutes Haar.
Marx emanzipiert den Menschen. Er befreit ihn von allem, was einzelnen Menschen Macht ber andere verleiht: vom Staat, vom Eigentum, von der Religion, von der Familie, vom Mann. ber Geschehen und Schicksal lt er nur mehr ein Kollektiv bestimmen.

Ohne Frage, die Befreiung vom personalen Machtgebrauch schtzt den einzelnen vor Unterdrckung und Ausbeutung durch einzelne. Dafr aber mu der Mensch an seinen Grundbedrfnisssen - soziale Anerkennung (Vorschu an Vertrauen), Selbstachtung, Selbstbestimmung - eine empfindliche Einbue hinnehmen.
Mittlerweile sind zwei Einschrnkungen der Freiheit, die der Sozialismus mit sich bringt, sichtbar geworden, die Aberkennung der Selbstlosigkeit und der Entzug des Machtgebrauchs. Eine dritte ergibt sich aus der Planung der Produktion, um die eine sozialistische Gesellschaft nicht herum kommt.
An dieser Stelle sei eine Anmerkung erlaubt. Den Sozialisten wird oft vorgehalten, was der Osten offenbarte. Doch das, was der mainstream als real existierenden Sozialismus erkannt haben will, hat mit dem, was Sozialismus heit und verspricht, wenig zu tun. Es handelte und handelt sich dabei um unterschiedliche Formen der Diktatur der Proletariats. Und diese Vorstufe auf dem Weg in das Reich der Freiheit hat Marx mit zwingender Logik als unumgnglich ntig beschrieben.
Folglich, wer eine zutreffende Antwort auf die Frage der Freiheit im Sozialismus finden will, mu in Augenschein nehmen, was der Sozialismus/Kommunismus in seiner Vollendung vorsieht.

Obwohl die Vorkmpfer der Idee manches offen oder im Vagen lieen, scheint folgendes doch festzustehen: Die Staaten werden absterben. Sie werden ersetzt durch Produktionsgenossenschaften, die sich weitgehend selbst verwalten.
Wir haben es also mit einer dezentralen Ordnung zu tun, in der die meisten Entscheidungen in direkter Demokratie fallen.
Doch das zur Solidaritt verpflichtete und von personaler Macht entblte System kann nicht zulassen, da die volkseigenen Betriebe sich gegenseitig Konkurrenz machen. Die Pleite einer Produktionsgenossenschaft darf nicht passieren. Deshalb ist eine Zentrale ntig, die den Bedarf ermittelt und dessen Deckung auf die Betriebe verteilt, wobei das Soll erfllt werden mu, aber nicht berschritten werden darf.
Das zwingt zu klren, welche Freiheiten die Planwirtschaft dem einzelnen Menschen verheit.
Man wird wohl davon ausgehen mssen, da die Berechnungen sich bereits auf die Kinder in der Schule auswirken. Denn kennt man den Bedarf auf allen Ebenen und in allen Bereichen, ist zugleich deutlich, welche Arbeitskrfte bentigt werden. Es drfte also festliegen, zu welchem Zeitpunkt welche Arbeitspltze besetzt werden mssen. Somit kommt die Planungsbehrde nicht umhin, auf die Ausbildungssttten einzuwirken, die just bentigten Arbeitsfhigen bereitzustellen.
Das impliziert eine Reihe von Fragen: Wird jedes Kind seine Schulausbildung whlen knnen oder wird der Bedarf bestimmen, welches Kind in diesen oder jenen Ausbildungszweig eingewiesen wird? Kann jeder Jugendliche seinen Beruf whlen oder wird ihm eine bestimmte Berufsausbildung vorgeschrieben werden mssen? Kann er spter auf eigenen Wunsch seinen Arbeitsplatz wechseln oder mu er sich damit abfinden, da der Plan verfgt, wo er seinen Dienst zu leisten hat?

Marx's Reich der Freiheit, so steht zu frchten, drfte einige fr das Leben des einzelnen wichtige Entscheidungen bereithalten, gegen die er sich nicht wehren kann. Denn bliebe die Berufswahl und die Wahl des Wohnsitzes freigestellt, liee sich der Plan nicht einhalten.
Der Sozialist wird dagegensetzen, da in der freien Wirtschaft der junge Mensch sich zwar aussuchen kann, wozu er sich ausbilden lt, aber keine Gewhr hat, in dem gewhlten Beruf auch eine Anstellung zu finden. Der totale Mensch dagegen ist vor den Verdrielichkeiten eines freien Marktes geschtzt.
Damit stehen wir erneut vor dem Menschenbild. Was ist dem Menschen gemer, die Freiheit des Wolfes oder die Geborgenheit des Hundes?
Nicht nur den Linken ist diese Frage zu explizit. Auch viele Rechte lassen eine Schlufolgerung wie diese, einen solchen Zielkonflikt nicht zu. Die Ausfertigungen des Sowohl-als-auch, mit denen beide Seiten ihn auszuhebeln versuchen, betonen lediglich hier etwas mehr die Betreuung, dort etwas mehr die Selbstndigkeit.
Die Linken aller Lager also geben vor, sie vermchten den Brger vor Unbill und Not zu schtzen, ohne ihm bedenkliche Einbuen an Selbstndigkeit aufzuerlegen; als gbe es Freiheit ohne Risiko, Selbstndigkeit ohne Verantwortlichkeit. Sie kdern gewissermaen den Hund, indem sie ihm vorgaukeln, ihm wrden die Ketten gekappt und er wrde dennoch seinen Napf stets gefllt vorfinden. Und sie betren den Wolf, indem sie ihm einreden, sie seien imstande und gewillt, ihm sein tglich Zicklein zuteil werden zu lassen, ohne da er seiner Freiheit verlustig ginge.
Der Sozialismus, so er funktionierte, befreit den Menschen von der Sorge fr seine Selbsterhaltung. Dafr aber raubt er ihm Wrde und Selbstachtung, Ungebundenheit und Selbstbestimmung.
Wollen wir Freiheit? Eine ohne Selbstbestimmung? Von welcher Art ist der Mensch?