Der Kosovo und das 21. Jahrhundert

Wir sind entsetzt, betroffen. Bosnien war fast vergessen. Borneo, Angola, Amazonien sind sehr weit weg. Aber der Kosovo geht unter die Haut. Nimmt das kein Ende? Was in aller Welt veranlat die Tamilen und Timorer, sich gegen ihren Staat zu erheben? Warum finden sich die Somalier und Ruander nicht zusammen? Sind die Korsen von allen guten Geistern verlassen, sich von Frankreich lossagen zu wollen?

Kann man die Volkstmelei, den Nationalismus, den Separatismus nicht unterbinden? Ist den Leuten nicht klarzumachen, da Aufruhr nichts bringt, da Terror nur Gegengewalt erzeugt?
Der Kosovo fllt aus dem Rahmen. Fand noch vor Tagen der Protest der Kurden gegen die Verhaftung ihres Fhrers im Aufruhr wenig Verstndnis in Europa, steht die Meinung heute geschlossen auf Seiten der Kosovaren. Was ist geschehen? Was unterscheidet Milosevic von Tudjman, der die Krajina-Serben vertrieb? Flechten wir den Tells der Neuzeit wieder Krnze? Darf Freiheit sich jetzt Bahn brechen?

Weit gefehlt. Die Ordnung mu bestehen bleiben. Der Kosovo gehrt zu Serbien und mu dort bleiben. Aufstand darf sich nicht lohnen. Er knnte Nachahmer finden. Destabilisierung droht.
Die Neigung zum Aufstand wird gern auf eine Gruppe oder eine einzelne Person verengt. Man hat es nicht mit den Basken, sondern mit der ETA, nicht mit den Kurden, sondern mit der PKK, nicht mit den Tschetschenen, sondern nur mit Dudajew zu tun. Den umgekehrten Fall gibt es auch: Nicht die Serben verweigern den Kosovaren Heimat, Freiheit, Leben, dafr steht allein Milosevic. Das vereinfacht das Feindbild. Nicht selten freilich stellt sich heraus, da mit der Beseitigung jener Gruppe oder Person das Problem nicht vom Tisch ist.
Bemerkenswert ist auch, da es selten die Freiheitskmpfer sind, von denen die grere Grausamkeit ausgeht.
Zwei Fragen stehen im Raum. Erstens: Ist zu erwarten, da das Freiheitsverlangen zum Erliegen kommt - nicht zuletzt kraft der abschreckenden Beispiele? Zweitens: (Sollte dies nicht der Fall sein) gibt es eine Alternative zu dem, was wir jetzt tun?

Es wre nicht gerade erhebend, wenn sich das 21. Jahrhundert als Fortsetzung der zweiten Hlfte des 20. darbte: Jahrzehntelange Brgerkriege, so wie zur Zeit in vielen Staaten Afrikas, im Kaschmir und auf Ceylon, Terror ohne Ende, wie in Grobritannien, Spanien, Frankreich und Israel, Vertreibung oder Ausrottung, wie im ehemaligen Jugoslawien, in Sdostasien, in Sdamerika.

Zur Stunde ist erst einer dieser Konflikte beseitigt: Eritrea erhielt die Selbstndigkeit (und verzichtet seitdem auf Entwicklungshilfe). Viele andere Unruhen, wie die im Kaukasus und in Bosnien, sind nur vorbergehend zum Stillstand gebracht. Einige haben sich durch Vernichtung oder Vertreibung der Aufsssigen erledigt.
Die Magebenden in Politik und Wissenschaft setzen auf Abschreckung und darauf, da sich ihre Vernunft durchsetzt. Diese Vernunft besagt: Den Vlkern darf nicht wichtig sein, in welchem Staat sie leben. Entscheidend ist, welche Staatsform sie umgibt. Handelt es sich um Demokratie, sind die politischen Bedrfnisse befriedigt, fr Autonomieforderungen oder gar Loslsungsbestrebungen gibt es dann keinen Anla mehr.

Nun zeigt der Augenschein, da sich Tschetschenen und Abchasen, Basken und Korsen dieser Vernunft nicht beugen. Lassen wir dahingestellt, warum sie sich verweigern (obgleich dies nur bei wenigen Vlkern Rtsel aufgibt). Wichtiger ist die Frage, ob die Aussicht besteht, da sie von ihrem Verlangen lassen. Gibt es Anzeichen, da die Abschreckung und die Bemhungen um Vernunft in absehbarer Zeit zum Erfolg fhren werden?

Viele bauen auf die Technik (Internet), andere auf Multikultur und Weltoffenheit. Soziologen entwerfen fortlaufend neue Gesellschaftsformen, die keine Vlker mehr kennen, in denen sich die ethnischen Konflikte von selbst auflsen.
Indes, wenn es nicht gelingt, den Menschen zu ndern, dann wird man hinnehmen mssen, da er Grundbedrfnisse hat. Nach allgemein ermittelter Erkenntnis sind dies: Soziale Anerkennung, Sicherheit und Geborgenheit, Liebe und Vertrauen, Selbstachtung, Unabhngigkeit und Freiheit. Sollte also der Mensch noch eine Weile bleiben, wie er ist, mte die Gesellschaft, die da wird, diese Bedrfnisse abdecken. Das aber bedeutet, da die eigene Sprache und Kultur im Leben der Menschen ihren Wert vielleicht doch so schnell nicht verliert.
Verhielte es sich aber so, stnde dies jener Vernunft entgegen. Dann behielten die Vlker als Gemeinschaften auch in Zukunft noch eine Aufgabe. Und ihr Verzicht auf Eigenstndigkeit und Selbstbestimmung wre vorerst nicht zu erwarten.
Wer demnach meint, da es mit dem Aufruhr der Vlker bald ein Ende habe, knnte einer Selbsttuschung erliegen. Ohnehin mu, wer zu einem gesicherten Urteil kommen will, die ungnstigere Entwicklung einkalkulieren.
Damit stehen wir vor der zweiten Frage: Sollen wir fortfahren, den Menschen das Hngen am eigenen Volkstum auszureden und, wenn sie strrisch bleiben, unsere Machtmittel spielen zu lassen (womit wir unvermeidlich an den Rand der Menschenrechtsverletzung geraten) oder gibt es einen anderen Weg, den Aufruhr zu unterbinden und Frieden zu schaffen?
ber allem steht die Frage: Warum geben wir den Menschen nicht, was sie verlangen? Wir halten doch sonst so groe Stcke auf Freiheit und Demokratie. Was drngt uns in die Rolle des Bevormunders und Unterdrckers?

Die Vereinten Nationen sahen sich gentigt (auf ihrer Vollversammlung 1970), das Selbstbestimmungsrecht der Vlker, das sie bei ihrer Grndung noch feierlich beschworen hatten, so weit einzuschrnken, da es praktisch als aufgehoben gelten kann. Was sie dazu veranlate, liegt auf der Hand. Bei den Vereinten Nationen handelt es sich nicht um einen Vlker-, sondern um einen Staatenbund. Und die Staaten mten, wollten sie dem Selbstbestimmungsrecht Genge tun, bereit sein, ihren Bestand aufzugeben. Das berfordert ihr Selbstverstndnis (Ausnahmen bildeten die Sowjetunion und die Tschechoslowakei, allerdings auch nur hchst widerwillig).
Das wirft die Frage nach dem hheren Rechtsgut auf. Mu das Selbstbestimmungsrecht der Vlker, dem seit der Aufklrung ein hoher Rang eingerumt wird, hinter dem Bestandsanspruch der Staaten zurcktreten? Ist es unerllich, den Staaten (wie es unter anderem das Grundgesetz macht) den Status der Unantastbarkeit zu verleihen?
Wer von dieser Stelle aus weiter denkt, verlt den Boden der Verfassungstreue. Wenn indes in etwa der Hlfte der Staaten Brgerkriege stattfinden, weil ein Teil des Staatsvolks die Selbstndigkeit einfordert, wenn aus diesem Grund Tausende von Menschen gettet, Millionen zu Flchtlingen gemacht werden, mu dann nicht erlaubt sein, sich zu fragen, ob der Bestandsanspruch der Staaten dies rechtfertigt?
Die Antwort ist schnell zur Hand: Die Auflsung der Staaten strzte die Welt ins Chaos. Allein, knnte man nicht auch die Ansicht vertreten, da schlimmer als das, was das Festschreiben der gegebenen Ordnung erzeugt, das, was ihre Freigabe hervorbrchte, kaum sein kann?
Wer die Geschichte studiert, findet im brigen keinen Anhaltspunkt fr jene Befrchtung. Wann immer ein Staat zerfiel oder einen Teil seines Gebiets abtrat, beendete das vielfach einen Krieg, es lste nie einen aus. Es lt sich sogar feststellen, da aus der gewaltsamen Auflsung einer Ordnung die gedeihlichsten und bestndigsten Gemeinwesen hervorgegangen sind: die Schweiz, die Niederlande, die USA.

Die Befrchtung wird daher auch anders begrndet: Wenn man einem Volk die Freiheit gbe, lste das eine Kettenreaktion aus (An dieser Stelle ist man sich bewut, da das Festschreiben der gegebenen Ordnung dem Wunsch der Vlker entgegensteht). Die Welt zerfiele in eine Unmenge an Klein- und Kleinststaaten. Das liee Politik und Wirtschaft zusammenbrechen, fhrte zum Krieg aller gegen alle (Hobbes).
Auch dafr gibt die Geschichte kein Beispiel. Die etwa zweihundert Jahre whrende Kleinstaaterei in Deutschland enthielt die lngste Friedensperiode fr diese Staaten, whrend die vermeintlichen Gromchte Preuen und sterreich sich fortgesetzt schlugen. Und auf dem vielgeschmhten Unruhigen Balkan lebten die dort besonders gegenstzlichen Vlker auf engstem Raum in geradezu mustergltiger Toleranz untereinander, solange die umliegenden Gromchte, Ruland, die Trkei, sterreich, sie in Ruhe lieen.
Dann wird behauptet, da Kleinstaaten nicht lebensfhig seien. Dem steht die Tatsache entgegen, da die wohlhabendsten und stabilsten Staaten heute Kleinstaaten sind (Singapur, Luxemburg), whrend die Bevlkerung der grten Staaten (China, Ruland, Indien, Brasilien) nicht gerade auf Rosen gebettet ist.
Hinzu kommt, da die Bewohner von Kleinstaaten sich stets dessen bewut waren, da sie nur in der Gemeinschaft mit ihren Nachbarn Sicherheit gewinnen konnten vor bergriffen und da eine solche Gemeinschaft auch wirtschaftliche Vorteile bringt. Bezeichnenderweise war das erste, was die jungen europischen Kleinstaaten machten, nachdem sie die Selbstndigkeit errungen hatten, die Aufnahme in die Europische Union zu beantragen.
Setzen wir also den Fall, in Europa wrden die Staaten der Selbstbestimmung Raum geben. Und sie wrden zur Bedingung machen, da die Staaten, die neu entstnden, ihre Grenzen dem Willen der Bewohner unterwrfen, wobei Dorf fr Dorf, notfalls Hausgemeinschaft fr Hausgemeinschaft sich entscheiden drfe, wohin sie gehren wollte. In Europa wren auf diese Weise hundert Staaten entstanden, die allesamt ihre Gebietsansprche der Selbstbestimmung zum Opfer gebracht htten (Umfang, Grenzen spielen schon heute - im Zeitalter der Dienstleistungen - nicht mehr die Rolle wie ehedem). Was wrden diese Staaten tun? Nun, es wre fast auszuschlieen, da sie sich nicht zusammenschlssen. Es kme folglich erneut zu einer Europischen Union, die allerdings anders geartet wre als die heutige. Lassen wir dahingestellt sein, wie sie sich gestaltete. Sie htte auf jeden Fall einige bedeutende Vorzge gegenber der jetzigen: Der historische Ballast, den die groen Mitglieder heute mit sich herumschleppen und der nicht selten zu sachfremden Entscheidungen fhrt, wre abgeworfen. Und die Gewichte wren gleichmiger verteilt, Unterschiede wie die zwischen Deutschland und Luxemburg wrde es in dieser Grenordnung nicht mehr geben (in der EU von heute wird ohnedies bald die Frage laut werden, warum Slowenien und Tschechien sich selbst vertreten drfen, Hessen und Bayern aber nicht).

Die Vereinten Nationen (UN) kranken an der Vielzahl und Unterschiedlichkeit ihrer Mitglieder. Was wre, wenn das Beispiel Europas Schule machte? Wir htten es dann in der Welt mit vielleicht zehn kontinent- oder kulturkreisumgreifenden Fderationen zu tun, die ihrerseits sich zum Weltbund zusammenschlssen.
Ein Aspekt verdient noch der Erwhnung: Die Tschetschenen haten die Russen nicht und die Kosovaren nicht die Serben, bevor zwischen ihnen der Krieg ausbrach. Die Korsen hassen heute die Franzosen nicht, und sie wrden sich vor Dank berschlagen, wenn diese ihnen die Freiheit gben. Es steht allerdings zu frchten, da wir es dahin bringen, da auch zwischen diesen Vlkern Ha fr Generationen entsteht.
Kein Politiker, keine Partei, die in ihrem Programm nicht fr eine Friedensordnung eintrte. Sie alle jedoch halten krampfhaft an der bestehenden Ordnung fest. Das verleiht ihren Absichtserklrungen die Eigenschaft der Illusion oder des Lippenbekenntnisses.
Eine Friedensordnung, die mehr bringt, als eine vorbergehende Waffenruhe, wird es ohne Selbstbestimmung nicht geben.
Es hat bedauerlicherweise nicht den Anschein, als wenn diese Wahrheit Platz griffe. So lftet denn der Blick ins 21. Jahrhundert vorzeitig seine Schleier. Indessen, wir haben und behalten Folter und Krieg, Terror und Flucht nicht, weil es unverstndige und bswillige Leute gibt, sondern weil wir es wollen. Wir liefern den Anla fr Wut und Ha, indem wir eine Ordnung verteidigen, die dem Menschen und der Zeit nicht gerecht wird.